17. Antifa-Camp Weimar/Buchenwald 2005

Weil ich es sehr wichtig finde, gegen das Vergessen der deutschen Verbrechen im letzten Jahrhundert aktiv zu werden, entschloß ich mich, in meiner ersten Ferienwoche, der letzten Juliwoche, nach Weimar zu fahren und am dortigen Antifa-Camp (früher mal Workcamp) teilzunehmen.

Am Samstag trudelte ich erst bei Freunden in Weimar ein und hatte noch einen netten Abend. Am Sonntag war ab 10:00 Uhr Anreise zum Camp in der Gerberstraße, einem besetzten Haus im Zentrum Weimars. Als mich meine Freunde gegen 11:00Uhr da absetzten, war niemand dort und es konnte mir auch keiner sagen, wo das Camp ist. Konspiration gut und schön, aber sowohl die Stadtbegrünung, als auch das Nazipack wußte auch so, wo das Camp war.

Jedenfalls holte mich nach zwei Anrufen ein Rastamensch zum Camp ab, was es nun schon seit 16 Jahren gibt. Bevor ich mein Zelt auf dem ehemaligen Krankenhausgelände aufbaute, hab ich mich erstmal angemeldet, in die Vegetarierliste eingetragen und die 7€ pro Tag für Mahlzeiten, Toiletten, Dusche bezahlt.

Nach dem Frühstück fuhren Kleinbusse und Privat-PKW zum Ettersberg hoch. Ich war am Montag Morgen sehr gespannt, denn es war mein erstes Mal, daß ich das KZ Buchenwald betrat. Wir haben in verschiedenen Projekten gearbeitet. In diesem Jahr durften wir, von der Gedenkstättenverwaltung erlaubt, wieder auf das Gedenkstättengelände, nachdem sie uns dort ein paar Jahre nicht haben wollten. Sehr eigenartig diese Gedenkstättenleitung (Museologen halt, noch dazu aus den alten, Sie wissen schon), aber darüber weiß ich nicht genug, um ordentlich abzulästern bzw. erlaubt mein Führungsoffizier nicht mehr Zeilen.

Ich hatte mich dem Projekt "Kleines Lager" angeschlossen. Das Kleine Lager war damals abgetrennt vom Hauptlager, das Quarantänelager gewesen. Dort kamen alle Neuankömmlinge hin, und viele Menschen haben es nicht lebend verlassen. Sie hatten keine Latrine und mußten ihre Notdurft in ihr Essgeschirr verrichten. Der Gestank von Fäkalien und verwesenden Leichen, die herumlagen, weil das Krematorium nicht hinterherkam die vielen Leichen zu verbrennen.

Da sich heute die Natur das Gelände zurückholt und bald überwuchert haben würde, haben wir die Unkräuter zwischen den Steinen mitsamt Wurzel herausgezogen. Wir wollten das ohne Chemie und andere Unkrautvernichtungsmethoden tun, weil an diesem Ort genug brutales Unmenschliches geschehen war, so daß wir keine Lust hatten, diesen Ort mit Chemie oder Flamme zu entehren.

Die Arbeit war anstrengend, besonders bei Temperaturen über 30°C . Aber wir waren gut motiviert und beendeten das kleine Lager in zwei Tagen.

Von den 150 Campteilnehmern war nur ein kleiner Teil beim Arbeiten. Versteh ich ehrlich nicht.ich fahr doch nicht in so ein Camp um Spaß zu haben. Okay, der gehört dazu, aber die Arbeit auf dem Gedenkstättengelände macht doch auch Spaß. Ich war jeden Morgen 8:30 Uhr am Bus. Es waren auch ganze Familien im Camp. Einige der Teilnehmer und Initiatoren sind ja schon immer dabei, seit 16 Jahren. Hochachtung. Das nenn ich Antifaschismus.

Am dritten Tag fand ich unter einem Stein, den ich anheben mußte, um einen Löwenzahn samt Wurzel herauszuziehen, eine Aluminiummarke mit einer mit ganz einfachen Mitteln gestanzten Schrift darauf. Es war eine Häftlingsmarke, die, wie wir später aus der Häftlingskartei erfuhren, einem polnischen Häftling namens Adolf Hiller, einem Koch, geb. am 5. 12. 1895 in Litzmannstadt (in Polen heißt die Stadt Lodz und ist ja von Vicki Leandros besungen worden: "Theo, wir fahr'n nach L...").



Er, Adolf Hiller, war noch im März 1945 vom KZ Großrosen in Schlesien vor der anrückenden Sowjetarmee mit tausenden anderen Häftlingen nach Buchenwald deportiert worden. Was ist aus Adolf Hiller geworden? Hat er die Selbstbefreiung am 11. April 1945 noch erlebt?

Als Bonus hat das Projekt "Kleines Lager" noch das Fundament des Kinderblocks freigelegt und einen einfachen Weg dorthin angelegt. Leider wird dieser Kinderblock am Ende des kleinen Lager fast übersehen. Hier fanden wir zwei einfache, aus Kupfer- bzw. Aluminiumdraht gefertigte Fingerringe, einen Damen- und einen Herrenring (so am Umfang bestimmt), worüber sich die Gedenkstättenmitarbeiter ehrlich freuten. Wir fanden zusammen mit einer Blume den Brief eines Franzosen, der die Gedenkstätte besuchte und dessen Vater als Kind Häftling im Kinderblock von Buchenwald war. Wir nahmen uns vor, ein Bild von unserer Arbeit nach Frankeich zu senden. Schon wieder hatte das Elend dieser Barberei seine Anonymität verloren und hatte uns ein persönliches Zeichen hinterlassen, was uns noch zusätzlich motivierte, auch auf der anschließenden Veranstaltung im Zentrum Weimars noch präsent zu sein.

Ein Projekt war das Lesen aus antifaschistischen Texten täglich von 11-14:00Uhr auf dem Theaterplatz. Weimar, eine Stadt, in welcher die Hitlerjugend gegründet wurde und wo 1932 über 60% die NSDAP gewählt hatten und die vom KZ auf dem nahen Ettersberg angeblich nichts gewußt hatte.

Gerade hatten wir am Vortag nach der Arbeit am Nachmittag im Camp einen Vortrag über nordische Mythologie, Runen und den anderen Dreck gehört, mit dem sich das Faschistengesindel so schmückt, da vielen uns in einem Kaufhaus am Theaterplatz in einem Sportklamottengeschäft in der obersten Etage Bekleidungsstücke mit eigenartigen Runen auf, Deutlich war die Tyrrune (Todesrune) und die Giborrune (Wolfsangel) als Logos der rechtsradikalen Marke "Thor Steinar" zu erkennen. Da diese Symbole, als Zeichen der verbrecherischen SS "noch" verboten sind, holten wir die Ordnungsmacht und erstatteten Anzeige. Der Laden bekam auch noch Besuch von einem Clorex-Putzkommando, der ihm 2000€ Sachsachaden brachte. Ja, wer mit so einem Dreck Geld macht, brauch sich über eine Säuberungsaktion nicht wundern!

Außerdem besuchte uns noch Julius Goldstein, ein Überlebender der Shoa, dessen Worten wir gespannt lauschten, ebenso denen von Kurt Päzold, einem Schriftsteller und Historiker. Am 26. Juli feierten Wir den Jahrestag der kubanischen Revolution mit Havanna Club und am Donnerstag spielte eine rumänische Band, die ich leider nicht verstand, na bis auf den Refrain: "solidaridat". Das Essen war sehr gut. Jeden Morgen gab es zum Frühstück die Campzeitung, in welcher man über die Projektarbeiten des Vortages nachlesen konnte. Leider gab es auch noch eine heftige Diskussion mit der antideutschen Fraktion, deren Ende schon unschöne Ausmaße erreichte.

Dem Weimaer Bahnhof statten wir auch noch einen Besuch ab, um gegen die Weigerung der Deutschen Bahn zu protestieren, auf ihren Bahnhöfen an die 11.000 jüdischen Kinder zu erinnern, die mit Hilfe der deutschen Bahn nach Auschwitz transportiert wurden. In Frankreich gibt es Ausstellungen dazu. Mit "juden ins KZ gebracht - deutsche Bahn hat mitgemacht"-Rufen und anderem tönten wir, bis die Bahn unsere Forderungen entgegennahm, gefaxt von den Bullen. Ja, die Stadtbegrünung wollte uns loswerden und da die Bahnhofsleute angeblich kein Fax hatten, haben die grünen Männlein unsere Forderungen nach einer verbesserten Erinnerungsarbeit seitens der Deutschen Bahn gefaxt.

Am letzten Arbeitstag war ich noch im Projekt "Pferdestall". In dem ehemaligen Pferdestall war eine Scheinkrankenstation untergebracht, wo die SS mittels einer als Körpermesslatte getarnten Genickschußanlage über 8000 sowjetische Kriegsgefangene ermordete. Im Krematorium steht ein Nachbau dieser Mordmaschine. Alles in Allem eine Woche mit sehr einprägenden Erlebnissen, wichtiger Arbeit gegen das Vergessen und Überwuchern (durch die Natur) dieser schändlichen Verbrechen der deutschen Nazibarberei. Da muß du dir als Mensch stark ein Übergeben im Kleinbus auf der Rückfahrt ins Camp herunterwürgen, wenn du im Radio hören mußt, daß ein Rechter vom Bundesverfassungsgericht frei gesprochen wurde, der "Ruhm und Ehre der Waffen SS" gebrüllt hatte. Mit der Begründung, dies wäre ein Phantasie-Spruch, den es damals nicht gegeben hätte. Eh, hallo geht's noch, aber eine Mörderbande Waffen SS gab es. Sind die völlig verbraunt in ihren Hirnen? Kein Wunder bei den braunen Wurzeln. Schließlich ist ein Großteil des Naziapperates übernommen wurden, Schlächter, wie der Thälmann Mörder Wolfgang Otto, waren, man glaubt es kaum, Lehrer. Ich muß hier wech. Nie-Nie-Nie wieder Deutschland! Also nächstes Jahr, das letzte Juliwochenende sehen wir uns in Weimar. Dr. djaegg is weg, bis dann www.ntifacamp.de

Hier noch mein Artikel in der Campzeitung zum Verfassungsgerichtsurteil :

Schöner Kotzen in D-land

Ich weiß nicht, ob es am Fahrstil des Fahrers lag, daß ich bei der Fahrt vom Ettersberg zum Duschen fast das Essen in Würfeln ausgehustet hätte, das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegessen hatte. Nein, eine Radiomeldung drehte mir den Magen um.

In Karlsruhe hatten die alten Träger der roten Talare (jetzt alle "unter den Talaren, der Muff....!") am Bundesverfaschungsgericht haben einen Nazi freigesprochen, der "Ruhm und Ehre der Waffen SS" gebrüllt hatte. Die Begründung war, das es sich bei diesem Spruch, um einen "Phantasiespruch" handeln würde, den es im III. Reich nicht gegeben hätte. Eh hallo, sind die völlig verbraunt im Gehirn. Den Spruch gab es nicht, aber eine Mörderbande, die sich Waffen SS nannte.

Nur schwer unterdrücke ich meinen Brechreiz. Ich will ja nicht in den Bus "Würfelhusten". Jetzt darf das Faschistenpack auch das noch ungestraft. Was dürfen die morgen brüllen? Auf welche "Phantasiesprüche" aus den zurückentwickelten (mind. 60 Jahre) Gehirnen müssen wir uns in Zukunft einstellen? Und werden dann an jeder Straßenecke die schönen gelben Papiertüten in XXL verteilt, die wir von der Fähre und aus dem Flugzeug kennen? Speckt die überfettete Wohlstandsgesellschaft dann wegen Kollektivbullimie ab? "Heute schon gekotzt?" Euer Dr. Galle